Vereinsfeiern und Theater in den Fünfzigern

Im Dezemberheft 1994 des FSV-Kurier ist ein Bericht erschienen über "Gemeinsame Weihnachtsfeier".
Es ist eine sehr erfreuliche Entwicklung, dass der FSV und der Gesangverein gemeinsam ihre Weihnachtsfeiern gestalten und durchführen. In den 50er Jahren war das nicht so. Zwischen den beiden Vereinen, damals war es ja noch der Männergesangsverein, gab es große Rivalität. Wir jüngeren Leute haben es nie so recht verstanden, warum es zu kaum einer Zusammenarbeit kam, obwohl viele Mitglieder gleichzeitig in beiden Vereinen waren.

Einen Vorteil hatte diese Konkurrenz zwischen Gesangverein und FSV: Es gab jedes Jahr zwei Weihnachtsfeiern. Theateraufführungen hat es allerdings, so meine ich, immer nur eine gegeben, denn vermutlich ließen sich im Dorf nicht so viele Laien-Schauspieler finden. Die Aufführungen waren natürlich damals etwas Besonderes. Es gab kein Fernsehen, kaum Gelegenheit ins Kino zu gehen, so dass der Publikumszuspruch sehr groß war. Das bedeutete, dass die Aufführungen meist zweimal durchgeführt wurden. Für die Vereine sprang dadurch natürlich auch finanziell einiges heraus.

Die Vorbereitungs- und Probenzeit war schon sehr aufregend. Welches Stück sollte aufgeführt werden? Wer würde welche Rolle übernehmen? Ließen sich genügend weibliche Mitspielerinnen finden?

Die Rollenbücher wurden schon immer rechtzeitig bei entsprechenden Verlagen bestellt. Wir ließen uns mehrere Stücke zur Auswahl zusenden. Dann begann ein eifriges Lesen und Schreiben. Diese Bücher und die damit erworbenen Aufführungsrechte waren nicht billig. So sorgten wir auf unsere Weise (handschriftlich) dafür, dass sich die Rollenbücher auf wundersame Weise vermehrten. Es wurde dann jeweils ein Theaterstück erworben, und für das nächste Jahr fiel auch noch eins ab.

An viele Einzelheiten über den Inhalt der Stücke erinnere ich mich nicht mehr. Es waren fast immer traurige, schaurige Stücke, mit unglücklichen und heimlichen Liebschaften, mit Wilderern und Förstern, mit verwickelten Begebenheiten zwischen Bauern, ihren Knechten und Mägden; immer natürlich mit Happyend, wie man heute sagt.

Gespielt wurde im Saal beim Fink oder beim Bräunlein. Das bedeutete natürlich jedesmal, erst einmal die Bühne bauen. Beim Finksaal gab es noch ein kleines Nebenzimmer. Die Tür zum Saal konnte man geschickt in die Bühne mit einbeziehen und so auch von außen ungesehen auf die Bühne gelangen.

Die ersten Leseproben wurden so etwa ab Ende Oktober in den damals noch vorhandenen großen Bauernstuben bei Mitspielern durchgeführt, weil die Säle natürlich nicht extra geheizt wurden.

Nebenbei erzählt: In diesen Bauernstuben gab es damals in den Wintermonaten auch noch die sogenannten "Rockerstubn". (Das hat nichts mit Rockern im heutigen Sinn zu tun, sondern es kommt vom "Spinnrocken", einem Teil des Spinnrades). Da trafen sich die heranwachsenden Mädchen und Buben aus dem Dorf, immer unter der Aufsicht von Erwachsenen, meist Frauen, und lernten das Tanzen. Musik machte manchmal "der alte Brantl" oder es gab ein Grammophon zum Aufziehen, mit auswechselbaren Nadeln und einem großen Schalltrichter. Gelernt wurden Walzer, Dreher, Polka und natürlich "Bayerische", Zwiefache oder sogar Dreifache. Aber das ist vielleicht noch einmal eine andere Geschichte.

Zurück zum Theaterspielen! Was ist in Erinnerung geblieben?

"Ach Mutterl horch, die Glocken läuten, jetzt kommt der Vater nimmer heim!" Das war der Refrain eines Liedes, das der Männergesangverein zu einer Theateraufführung sang. Ich hörte es so oft bei den Proben aus dem Bräunleinsaal herüberklingen, wenn ich schon im Bett lag. Es gehörte meines Wissens zu einem Bergmannstück mit einem dramatischen Grubenunglück. Die Sänger dehnten dabei die Worte "Vateeeer" und "niiiiimmer" so weit, dass es gar schaurigschön in meiner jugendlichen Vorstellung klang. Ich kann es heute immer noch singen.

"Sparen, sparen, sparen", diese drei Worte wurden zum Spitznamen für einen Mitspieler, der in einem Stück mit großen Schritten über die Bühne ging und mit diesen Worten seine Paraderolle fand. Er hatte sicher noch mehr zu sagen, aber dieser Ausspruch und seine gesamte Haltung dazu waren überwältigend komisch. Wir haben ihn noch lange Zeit damit angesprochen und herzlich darüber gelacht.

Oder der Thäters Johann, der spätere "Thätersbeck", mit seinem Auftritt als Wachsoldat. Mit einem fröhlichen Lied marschierte er, das Holzgewehr über der Schulter, auf der Bühne auf und ab. Plötzlich ein Stocken, das Lied verstummte. Der Souffleur reagierte wohl nicht schnell genug und mit den gesungenen Worten: "Jetzt weiß ich nicht mehr weiter!" marschierte der Johann von der Bühne ab. Riesiges Gelächter im Publikum. Ob man erkannt hat, dass das so nicht dazugehörte, glaube ich nicht.

Oder "Blitz und Donner" für die Wildererstücke, wenn's dramatisch wurde. Der Donner wurde mit dem bekannten Donnerblech erzeugt. Aber wie die Blitze? Eigentlich war es eine gefährliche Angelegenheit. Es gehörten dazu ein Maßkrug mit Salzwasser, ein Stromkabel und zweckentfremdete Bierwärmer. Näheres sollte man dazu lieber nicht sagen. Auf alle Fälle zuckten die Blitze gewaltig durch die Kulissen.

Das Glockenläuten für die Beerdigung des abgestürzten Bergbauernbuben, den Guten natürlich, wurde mit einer Zither erzeugt. Einige Saiten gelockert, dann das Instrument mit langen Armzügen hin und hergeschwungen, und es erklangen die schönsten Glockentöne.

Die Kulissen wurden selbstverständlich auch selbst hergestellt. Kopierer gab es nicht, Projektionsgeräte waren unbekannt. Wer auf die Idee mit dem Rastern von Postkarten kam, deren Gebirgsansichten als Hintergrundbild verwendet wurde, weiß ich nicht mehr. Wie wir an Papier, Farben und anderes Material kamen, daran kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Sicher ist nur, es sollte möglichst wenig Kosten verursachen.

Der schönste Mehrakter in meiner Erinnerung war das Stück "Der Heiratsvermittler". Es war ein Lustspiel, mit vielen Verwechslungen und komischen Einzelszenen. Mit vielen Möglichkeiten, Vorkommnisse im Dorf geschickt einzubauen. Es war zum ersten Mal gelungen, junge weibliche Mitspielerinnen dazuzubringen, dass sie die Rolle von älteren Frauen nicht nur übernahmen, sondern sich auch als solche "zurechtmachen" ließen. Für die jugendlichen Liebespaare fanden sich immer genügend Darsteller. Aber für die komischen, die manchmal schrulligen Typen, da war es schwer, vor allem Mitspieler/innen zu finden. Aber diesmal stellte sich die Rollenbesetzung als ideal heraus. Dazu hatten wir noch den "Hirschenbader", einen Frisör aus Altdorf, einen treuen Fan der FSV-Mannschaften, als Maskenbildner gewonnen. Das Stück war so erfolgreich, daß es sogar in Gersdorf, in Oberhaidelbach und ich meine auch in Offenhausen aufgeführt wurde.

Zu einem Austausch von Theateraufführungen mit den Gersdorfer Laienspielern war es sowieso schon gekommen. Einmal allerdings waren mehrere Mitspieler durch Krankheit ausgefallen, so daß kurzfristig andere einspringen mussten, um mit dem Rollenbuch in der Hand, die Aufführung zu retten. Das Publikum hat es mit Geduld hingenommen.

In einem Jahr gab es als Ausklang des Theaterabends einen besonders erfolgreichen Einakter: "Beim Dorffrisör"!
Es war eine richtige Klamotte, in der man alles unterbringen konnte, was man dem Publikum schon immer mal sagen wollte.

Der Bühnenvorhang öffnet sich, auf der Bühne sind der Frisörmeister und sein Geselle. Einer steht am Fenster und streicht das Rasiermesser an dem Lederriemen bedächtig auf und ab. Der andere rührt in einer großen Schüssel mit einem Schneebesen den Seifenschaum. Dabei erzählen sich die beiden die neuesten Geschichten und Gerüchte aus dem Dorf.

Durch die Ladentür stürmt ein Kunde herein, der dringend rasiert werden muss. Er wird mitten auf der Bühne auf einen Stuhl gesetzt. Und das Tratschen der beiden Frisöre geht in aller Ruhe weiter.

Ein zweiter Kunde kommt in den Laden. Er ist etwas kleiner als der vorherige, aber er muss noch viel dringender rasiert werden. Auch für ihn wird ein Stuhl auf die Bühne gebracht und er wird neben den ersten Kunden gesetzt.

So geht es weiter, bis auf der Bühne vier Kunden sitzen, der kleinste als zweiter oder dritter. Jeder der Kunden wird natürlich immer unruhiger, weil alle es ja so eilig haben.

Dann bringt der Frisörgeselle ein Brett in den Laden. Es hat vier Löcher, groß genug für einen Menschenhals und im Abstand der vier Stühle. Es ist der Länge nach in zwei Hälften zersägt. Die beiden Frisöre legen das Brett den unruhigen Kunden wie eine Halskrause um. Eine Hälfte von vorn, die andere von hinten. An den beiden Enden werden die Hälften verschnürt und verkeilt. Der Geselle kommt mit der großen Schüssel voll Schaum und einem großen Malerquast und "seift" die vier Eiligen gleichzeitig ein. Er muß es immer wieder nachholen, weil die Vier bemerkt haben, daß es sich um süßen Eischnee handelt und sich mit beiden Händen die Leckerei mit den Fingern in den Mund streichen. Der Frisörmeister steht nach wie vor mit dem Rasiermesser am Lederriemen.

Da ertönt die Feuersirene! Meister und Geselle lassen alles liegen , weil sie ja Mitglieder der Feuerwehr sind.

Die vier Kunden sitzen erst eine Weile still, werden dann unruhig, erheben sich abwechselnd von ihren Stühlen und stehen schließlich alle vier gleichzeitig auf. Sie bewegen sich noch einige Male mit ihrer gemeinsamen Halskrause hin und her, bis der Kleinste "erdrosselt" in seinem Halsloch hängt.

In den folgenden Jahren mußte dieser Einakter auf Wunsch des Publikums noch häufiger aufgeführt werden.  

Heinz Weiß 

 


FSV Weißenbrunn 1949 e.V.