Einkehr in Sindlbach
Erzählt von Heinz Weiß
Wieder einmal war Spielleitersitzung in Neumarkt. Der Winters Paul als Spielleiter, der "Wonger" als Vorstandsmitglied, und ich als Schriftführer, waren beauftragt daran teilzunehmen. Die Sitzung war wie üblich. Neben der Absprache von Terminen für Pokalspiele, den Hinweisen auf nicht erfreuliche Vorgänge auf manchen Spielfeldern, einer Art Rechenschaftsbericht der verschiedenen Spartenleiter gab es wie immer besonders heftige Klagen und bittere Vorwürfe vom Schiedsrichterobmann an alle Vereine, die nicht genügend Schiedsrichter für den Spielbetrieb abstellten.

Endlich war alles vorbei, und wir machten uns auf den Heimweg. Zwischen Berg und Oberölsbach, Autobahn nach Neumarkt gab es damals noch nicht, schlug der "Wonger", unser "Chauffeur", vor, noch irgendwo einzukehren. Wir waren nicht abgeneigt und so fuhr er mit uns nach Sindlbach, einen Ort, in den man von Weißenbrunn aus normalerweise nicht einkehrte, wo wir also fremd waren.

Vor dem Dorfgasthaus wurde geparkt und wir drei "Fremden" gingen in die Gaststube. Der Winters Paul, ein großer, kräftiger Mann, gekleidet mit Ledermantel und Hut, ein "besserer Herr", der Stefan und ich auch nicht werktäglich angezogen, seine untergebenen Begleiter. Es war Samstagabend. Am Stammtisch saßen Männer aus dem Dorf und redeten miteinander. An einem anderen Tisch wurde Schafkopf gespielt. Der Wirt stand hinter seinem Ausschank und machte ein Bier fertig. Alles ver­stummte, als die drei Fremden eintraten, einen freien Tisch aussuchten, Hut und Mantel ablegten und sich niederließen.

Der Wirt kam, nahm die Bestellung entgegen und verschwand wieder hinter seinem Schanktisch. Die Männer am Stammtisch und auch die Kartenspieler schauten immer mal verstohlen zu den drei Fremden hin, und langsam kam das abgebrochene Gespräch wieder in Gang.

Der Winters Paul, von Beruf Schachtmeister, begann mit seiner lauten Stimme plötzlich von Bauar­beiten, Vermessungen, Planungen zu sprechen. Stefan und ich hörten zunächst verwundert zu, denn wir hatten doch gerade noch über die Sitzung in Neumarkt gesprochen. Plötzlich stand der "Wonger" auf, ging entschlossen nach draußen zum Auto und kam mit einer Kartentasche zurück. Am Tisch holte er eine Landkarte heraus und breitete sie teilweise aus. Es war eine Karte der Umgebung von Altdorf und Neumarkt. Sie war aus kaschiertem Leinen, auf der Rückseite mit einem grauen Leinenstoff be­klebt. Sie sah sehr amtlich, wichtig und geschäftsmäßig aus. Ich glaube, es war eine Militärkarte. Der Wirt brachte die Getränke, die Karte wurde etwas beiseite geschoben, der Wirt warf einen verstohlenen Blick darauf und ging wieder.

Paul Winter breitete die Karte erneut weit auseinander, zeigte mit seinen großen Händen mal hierhin, mal dorthin, fuhr weitausholend Linien und Umrissen nach und sprach nun von Trassenführung, von Bodenaushub, Landschaftsveränderung und dergleichen. Die Sindlbacher am Stammtisch bekamen lange Ohren, ihre eigene Unterhaltung wurde immer spärlicher und hörte schließlich völlig auf. Jetzt endlich hatte auch ich begriffen, was hier los war und beteiligte mich an dem "Fachgespräch" über Straßenplanung, kommende Baumaßnahmen, Bedarf von Arbeitern usw.

Der Wirt brachte unser Abendessen. Nachdem er die Teller abgestellt hatte, blieb er am Tisch stehen, warf einen Blick auf die Karte, erkannte wohl, dass es sich um seine Gegend handelte und stellte end­lich die lang erwartete Frage: "Wer sind die drei Herren? Woher kommen`s denn?"

Paul Winter nannte seinen Beruf, erklärte, daß er als Schachtmeister unterwegs sei, um die Gegend kennenzulernen und deutete dabei wie selbstverständlich auf die Karte, die vor uns lag und in der die Trasse der für die Zukunft geplanten Autobahn gestrichelt eingezeichnet war. Er sprach wieder über Baumaßnahmen, auch von Bauleuten, die in die Gegend kommen würden, von Ingenieuren, die hier Unterkunft brauchten, von Grundstücksbedarf und von Arbeitern, die benötigt würden. Der Wirt hörte aufmerksam zu. Man konnte richtig sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete. Schließlich wünschte er guten Appetit und ging sofort hinüber an den Stammtisch. Dort wurden die Köpfe zusammengesteckt, und der Wirt erzählte offensichtlich den neugierigen Dorfbewohnern das, was er gehört hatte. Wir verhielten uns so unbeteiligt wie möglich, bemerkten aber, dass immer häufiger zu uns herübergeblickt wurde.

Schließlich standen zwei Männer auf, und kamen zu uns. Etwas verlegen sprachen sie uns an: Sie hätten ja nun erfahren, daß wir Bauingenieure seien und den Autobahnbau vorbereiteten. Sie wollten doch gerne wissen, wann die Arbeiten losgehen sollten und ob man sich auch schon um Arbeitsplätze bewerben könne.

Paul Winter erklärte mit großer Selbstverständlichkeit, dass vorerst nur mit der Planung begonnen werde, dass aber sicher bald andere "Kollegen" kämen, die dann die Einzelheiten erledigen und si­cher auch ein Baubüro einrichten würden. "Ihr müßt eben in der nächsten Zeit gut aufpassen", sagte er, "wenn wieder Fremde in euer Dorf kommen, dann geht es vielleicht schon bald los!" Mit diesen Auskünften kehrten die beiden Einheimischen an ihren Stammtisch zurück und entfachten dort ein lebhaftes Gespräch.

Wir hatten inzwischen unser Abendessen verzehrt, tranken schnell den letzten Schluck, bezahlten und verließen den Ort. Während der Weiterfahrt nach Weißenbrunn haben wir noch viel gelacht und uns besonders über unsere wortlose Einigkeit gefreut.
FUSSBALLSPORTVEREIN WEISSENBRUNN 1949 e.V.