Fußballer und Fasching                                             

Der Winter 1952 ist sehr schneereich. Was machen die Weißenbrunner Fußballer in dieser Zeit, da alle Plätze verschneit und unbespielbar sind? Sie trainieren wie üblich. Das heißt am Freitag bei Mondschein Konditionstraining auf dem Weg nach Ernhofen oder bei Neumond auf der knapp beleuchteten Dorfstraße. Anschließend Spielersitzung mit Kartenspiel, Gesang und allem was dazu gehört. Manchmal ein nächtlicher Zug durch das Dorf. Ziel sind die Mitglieder der Vorstandschaft, die meist schon im Bett liegen, aber lauthals aufgefordert werden, eine Maß Freibier zum Wohlbefinden ihrer Mannschaft beizutragen. Und sie sagen alle gerne zu, weil sie nicht um ihre Nachtruhe gebracht werden wollen.

Aber am Faschingssonntag in diesem Jahr ist alles anders. Ein Fußballspiel soll stattfinden. Ein Spiel mit besonderer Attraktion. Zwei Mannschaften der Sonderklasse treffen sich auf dem Sportplatz droben neben dem Steinbruch Fink, dort wo heute viele schmucke Einfamilienhäuser stehen.

Die Veranstaltung beginnt mit einem Umzug der beiden Mannschaften durch das ganze Dorf. Voran der Brantls Peter mit seiner Quetschkommode, dahinter der Schiedsrichter, der Bürgermeister, und danach die beiden Mannschaften. Die Gastmannschaft ist eine Mannschaft von Bauern. Sie tragen ihre Werktagskleidung, das heißt lange dunkle Arbeitshosen, schwere Arbeitsstiefel, karierte Wollhemden, darüber manchmal eine Weste, einige mit Hut, andere mit Zipfelmütze. Einer ist noch im Schlafanzug und hat die Nachtkerze dabei. Alle haben einen blauen Bauernfleck an und die Waden bis zu den Stiefeln sind teilweise mit weißen Binden umwickelt. Manch einer hat auch einen Spazierstock, einen Heurechen oder sogar einen Dreschflegel und einige einen Reisigbesen mit.

 Drei "Damen" auf dem Weg zum Spiel....

Hannes Riehl, Georg Weiß, Willi Kräußel (von links)

Die Heimmannschaft ist eine Damenmannschaft. Unter Rock und Bluse, Kleid oder Kostüm, Kopftuch oder Hut, Handtasche oder Köfferchen kann man nur an den Fußballstutzen und Fußballstiefeln erkennen, daß wirkliche Fußballer des FSV darunter stecken. Sie wollen sich heute messen mit Vereinsfunktionären, Gemeindevertretern, und Landwirten. 

......und nochmal drei......  

Heinz Weiß, Georg Eckstein, Richard Leonhardt (von links)

Die tiefe Schneedecke stört die Spieler in keiner Weise, im Gegenteil! Die Bauernmannschaft macht sich den Schnee sehr erfolgreich zunutze. Mit den mitgebrachten Werkzeugen haben sie bald in der Nähe ihres Strafraumes einen Schneewall aufgebaut, der von den Damen nicht so leicht zu überwinden ist. Die Damenmannschaft ihrerseits verlässt sich nicht nur auf ihre Fußballerbeine, um die Angriffe abzuwehren, sondern hat sich an verschiedensten Stellen der Spielfläche Schneeballdepots angelegt und kann auch damit manchen Ansturm erfolgreich abwehren. Schließlich ergreifen sogar auch die Zuschauer Partei und machen mit gezielten Schneeballwürfen manchen erfolgversprechenden Angriff unschädlich. Ein hochklassiges Spiel kann nicht so recht zustande kommen, da viele Spieler oft hinter dem Rücken des Schiedsrichters in Zweikämpfe ganz anderer Art verwickelt sind. Sie seifen sich gegenseitig ein, schieben sich Schnee unter Hemd, Kleid oder Bluse, und betreiben allerlei Unfug. Plötzlich ist der Ball verschwunden. Alle “Spielerinnen” und Spieler gehen auf die Suche. Nur der Bauerntorwart steht seelenruhig an seinen Torpfosten gelehnt und wartet. Er weiß genau, daß ihm keiner den Ball in die Kiste schießen kann, denn er hat ihn in einem Schneehaufen in der Nähe seines Tores vergraben. Mit großem Hallo wird der Ball endlich gefunden und das Spiel geht weiter.

Noch hat keine Mannschaft ein Tor erzielen können und bald ist die Spielzeit abgelaufen. Der Schiedsrichter droht schon mit Verlängerung, da ist wieder der Ball weg. Fast alle Spieler stehen suchend irgendwo auf dem Platz. Nur der Schneider Liebel hinkt so schnell er kann mit seinem verkürzten Bein über den Platz auf das Tor der Damenmannschaft zu. In der einen Hand schwingt er die Gemeindeglocke, mit der anderen hält er krampfhaft seine blaue Schürze, die eine verdächtige, dicke Wölbung hat zusammen. Zu spät erkennt unser Torwart die drohende Gefahr. Schon ist der Schneider da und wirft sich mit letzter Kraft zusammen mit dem Ball in das Tor.

Tor...! Tor...! brüllen seine Mitspieler. Der Schiedsrichter ist ebenso verblüfft wie wir alle und pfeift das Spiel ab. Die Außenseiter haben das Faschingsspiel mit 1:0 gewonnen.

Heinz Weiß 

 


FSV Weißenbrunn 1949 e.V.